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Text: Herbert Schorn
Aus der Rundschau / kultur und freizeit
5. Jahrgang/Nr.02/Februar
In seiner neuen Kino-Doku räumt Kurt Palm mit dem Mythos Adalbert Stifter auf.
"Er war kein langweiliger Biedermeier-Schriftsteller", behauptet Palm.
Tatsächlich war Stifters Leben geprägt von Fresssucht, Alkohol, seiner
gescheiterten Ehe und dem Selbstmord seiner Ziehtochter Juliana.
Jetzt zeigt Palm den oberösterreichischen Dichter in neuem Licht.
Herr Palm, gibt's denn nicht schon genug Stifter-Porträts?
Nein. Ich habe mich in den letzten 15 Jahren immer wieder mit Adalbert Stifter auseinander gesetzt. Sein Werk spielt in meinem Leben eine nicht unwesentliche Rolle. Ich will mit meinem Film den Leuten Stifter näher bringen. Ich habe da einen pädagogischen Ansatz: Man soll nachher mehr wissen als vorher - und nicht nur unterhalten werden.
Klingt ein wenig anstrengend.
Nein, nein, der Film hat ja auch komische Seiten. Aber er hat keine lineare Dramaturgie. Er gibt das subjektive Bild Stifters aus der Sicht des Kurt Palm wieder. Ein subjektives Porträt, abgesichert mit meinem Wissen. Mich interessieren die Leerstellen im Leben eines Menschen. Viele Filme-Macher tun ja so, als ob man sein Leben von A bis Z leben könnte, als ob das Leben eine "gmahte Wiesn" wäre. Die Leere zeigt keiner.
Weil sie fad ist?
Weil sie hart ist. Ich will die Angst des Menschen vor der Leere zeigen. Die Frage bei Stifter war für mich: Wo ist der Impuls, dass jemand ein Rasiermesser in die Hand nimmt und sich die Kehle durchschneidet.
Was erzählt der Film, was noch nicht bekannt ist?
Es hat sich ein Bild von Stifter verfestigt, das ihm nicht gerecht wird. Es ist mir ein Rätsel, wie es den Literatur-Wissenschaftlern und Ideologen gelungen ist, Stifter in das Eck des biederen Blumen- und Käferpoeten zu drängen. Die haben ganze Arbeit geleistet. Ich will die Spinnweben über Stifters Werk zerreißen und ihn in neuem Licht zeigen.
Wie schaut das aus?
Ich will seine Widersprüchlichkeit, seinen Hang zum Exzessiven, Pathologischen, Abgründigem aufzeigen. In einer Erzählung Stifters ist mehr Wirklichkeitsgehalt als in 90 Prozent unserer heutigen Bestseller-Literatur. Stifter ist ein großer, aktueller Künstler. Er ist ein Zeitgenosse.
Was ist so aktuell an seinem Werk?
Heutzutage wird der Mensch auf sein Dasein als Konsument reduziert, das Individuum interessiert niemanden mehr. Genau das beschreibt Stifter: Er zeigt Leute, die in der Gesellschaft isoliert sind. Der zweite Punkt ist das Verhältnis von Mensch und Natur, die den Menschen immer wieder überrollt. Es gibt keine Naturkatastrophe, die nicht in Stifters Werk vorweggenommen wurde, seien es Erdbeben, Schneefall oder Eisstoß. Diese Abgründe der Natur sind Abgründe der Seele, auch ein Spiegel Stifters. Er stand zeitlebens am Abgrund. Sein Leben war ein gigantischer innerer Kampf gegen Fresssucht, Alkohol, verdrängte Sexualität. Und davon handelt seine Literatur.
Da muss man aber genau lesen, um das zu sehen.
Das ist es ja. Jeder liest Stifter vor der Folie des Harmlosen, Biederen, Uninteressanten. Meine Mission ist zu zeigen, dass es anders ist. Ich bin von Beruf Stifter-Missionar. Ich bin Ordensbruder der Stifterianer.
Der Film musste ja mit einem Mini-Budget von 90.000 Euro gedreht werden. Die Hauptkosten trägt der ORF, das Land Oberösterreich hat nur rund 15.000 Euro dazugezahlt. Für einen 80-Minuten-Kinofilm ein schlechter Scherz. Die oberösterreichische Filmkommission hat das Drehbuch dreimal abgelehnt. Was allerdings kein Wunder ist bei Leuten, die eine Serie wie "Schlosshotel Orth" mit Millionen unterstützen.
Wenn man Ihre Künstlerbiografie durchliest, findet man drei Konstanten: James Joyce, Adalbert Stifter und Hermes Phettberg.
Das stimmt nicht. Es gibt noch viele andere wichtige Themen: Brecht, Kafka, Mozart oder die Operette. Phettberg war nur eine unbedeutende Episode.
Wäre eine Sendung wie die"Nette Leit Show" mit Hermes Phettberg im Lindner-ORF noch möglich?
Nein, sicher nicht. Der ORF ist ein absolutes Verblödungsinstrument geworden.
Der würde heute so etwas nicht einmal mehr mit einer Feuerzange angreifen.
Schade?
Nicht nur, es ist auch ein grandioses Trauerspiel. Es ist faszinierend, wie Dummheit sich konzentrieren kann.
Aber Ihren Film hat der ORF ja trotzdem finanziert.
Ja, aber mein Film ändert auch nichts am ORF-Dilemma.
Weiterer Beitrag zum Film:
OÖN-Filmkritik: "Der Schnitt durch die Kehle oder Die Auferstehung des Adalbert Stifter"
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Der Schnitt durch die Kehle
Kurt Palm, voll in action: Um den Zuschauern
einen Dichter, den ich wahrscheinlich noch im
Totenbett lesen werde, näher zu bringen, ist
Regisseur Kurt Palm kein Berg zu hoch, kein
See zu tief, keine Gedenktafel zu klein.
Palm kraxelt, Palm taucht, Palm liest,
Palm misst. Palm im Böhmerwald, Palm in
den Katakomben, Palm bei Sonnenuntergang,
über den Dächern Wiens.
Wie Puzzlesteine kleckst er Aspekte aus
Stifters Leben, von seiner ersten Liebe bis
zur Fresssucht, zu einem skurilen, kurzweilig-humorvollen Bild zusammen. Hut ab!
Darsteller u.a.: Karl Ferdinand Kratze, Hermes Phettberg. Zu sehen derzeit im Moviemento-Kino in Linz (Dametzstr. 30)
Weiterer Beitrag zum Film:
OÖN-Filmkritik: "Der Schnitt durch die Kehle
oder Die Auferstehung des Adalbert Stifter"
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